UK

23. August 2009

Im Schuljahr 2006/07, also nach meiner 11. Klasse, war ich 10 Monate in Royal Leamington Spa in Warwickshire (Großbritannien). Dort besuchte ich das Warwickshire College und absolvierte das erste Jahr (‘AS-Level’) des britischen Abiturs (genannt ‘A-Level’) mit den Fächern Media Studies, History, Physics und English Language/Literature. Ich gebe zu, letztes war nicht mein stärkstes Fach, vor allem am Anfang.

Wenn ich mir jetzt im Nachhinein Texte und Essays von mir durchlese, die ich zu Beginn des Jahres geschrieben habe, schauert es mir. Aber dazu ist ein solcher Auslandsaufenthalt ja da, dass man sich nicht nur im Alltagsenglisch und der Aussprache, sondern auch im schriftlichen Ausdruck verbessert. Durch das Jahr in Leamington konnte ich beruhigt in meine vier Semester Englisch Leistungskurs an der RLO gehen.

Das wohl interessanteste Fach war Media Studies (dt. “Medienwissenschaften”). Ist genau das, was es meint. man guckt sich mediale Inhalte an und analysiert diese nach bestimmten Kriterien. Das beinhaltet nicht nur Filme oder Fernsehserien (obwohl wir davon am meisten gesehen haben, wenn auch nur ausschnittsweise), sondern auch Zeitungen, Magazine, Radio, Internetseiten und natürlich Werbung. Denn das wichtigste Kriterium ist bei den “normalen” Medieninhalten das gleiche wie bei Werbung: Audience (Zuschauer/Leser/Besucher). Diese müssen gezielt angesprochen werden, damit ein Medieninhalt Erfolg hat. So analysierten wir die BBC Six o’ clock news, Donny Darko, Spülmittelwerbung, chat shows (Talkshows) und Leni Riefenstahl’s Triumph des Willens (letzteres habe ich mir mit mehreren Tassen Kaffee zu Hause in England angesehen und sogar durchgehalten) nach den “RAILING” Kriterien:

  • Representation (Darstellung von Personen, Produkten etc.)
  • Audience (Zuschauer/Zielgruppe)
  • Institution (beworbene Firma, produzierende/r Firma/Kanal)
  • Language (stilistische Mittel wie Kameraeinstellungen, Ton, Musik, Set etc.)
  • Ideology (versteckte oder offensichtliche Ideologien / Vorstellungen dahiner)
  • Narrative (Personenkonstellationen, Aufbau der Geschichte)
  • Genre (Nachrichten, Werbung, Krimi etc.)

Das exam am Ende des Schuljahres bestand aus drei Teilen:

  1. Media Analysis: Man bekommt einen medialen Inhalt (bei uns der Beginn einer TV-Serie “Blackpool”) dreimal zu sehen (oder gedruckt bei Zeitung/Plakaten) und muss diesen nach den RAILING Kriterien in 45min. analysieren.
  2. Essay: Man bekommt eine These, die man differenzieren muss, die Themengebiete waren bei mir entweder advertising oder documentary.
  3. Practical: Man muss einen max. 10min Dokumentarfilm oder eine Werbekampagne erstellen, diesen vorher schriftlich vorbereiten (“brief”), dann erstellen (“product”) und hinterher analysieren und einschätzen (“evaluation”).

Media Studies hat bei mir dazu geführt, dass ich mich sehr stark mit Medien auseinander gesetzt habe und mich seitdem vor allem für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk interessiere. Leider wurde mein erster Themenvorschlag für die 5. Prüfungskomponente im Abitur nicht zugelassen: “Hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Großbritannien und Deutschland eine (digitale) Zukunft?”. Das ist ein sehr spannendes Thema, da GB und Deutschland zwar beide eine öffentlich-rechtliche (und duale) Rundfunkordnung kennen, aber beide sehr unterschiedlich sind. Mehr findet ihr in Blogposts unter dem Stichwort “Medien” und auf meiner Seite “Medien”.

bw-photo1Abgesehen von den drei 90min. Stunden Media Studies hatte ich noch einen recht interessanten Geschichtsunterricht, in welchem wir uns in zwei von drei Themen mit deutscher Geschichte befasst haben: Bismarck und die Nazis (also jedes ein Thema, nicht zusammen). Das College bot außerdem noch viele tolle CEPs (Curriculum Enhancement Programme: dt. Arbeitsgemeinschaften) an, darunter “Black & White Photography”. Das bestand aus einer Einweisung in die Benutzung der Dunkelkammern und Filmentwicklungsräume und dann konnte man loslegen. Neil, der photo technician hat uns immer freundlicherweise großes Photopapier gegeben (kostenlos!), sodass wir jeden Donnerstag zwischen 16 und 21.30 Uhr Entwickeln und printen konnten, was das Zeug hielt (bzw. bis die Packung alle war^^). Das ist natürlich reinster Luxus, den das College deshalb hat, weil es viele National Diplomas (~Fachabi) anbieten, darunter Media, Photography, Fashion Design, Film etc. So entdeckte ich meine Vorliebe für die analoge Schwarzweiß-Fotografie, die für mich eine ganz andere Welt ist als die digitale Farbfotografie ist und diese sich gegenseitig nicht ausschließen.

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