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Der oberste Souverän.

11. Januar 2012

Ein Wunschtraum.

Erinnern wir uns an das Jahr 2010. Es war mitten zum Beginn eines Sommermärchens, die Fußball-Weltmeisterschaft zog all unsere gebannten Blicke auf sich, mein Abiturjahrgang und ich feierten das Leben und unser bestandenes Abitur – doch einer wollte nicht so recht mitfeiern: Horst Köhler.

Sein Rücktritt platzte unmittelbar in das sich vorsommerurlaublich nur noch mit Mühe konzentriert haltende politische Berlin wie ein schwer vorhersehbares Erdbeben. So unmittelbar, dass auch damals schon Bettina Schausten sich reichlich indisponiert zeigte und bis zur Abendausgabe des heute-Journal nur aus dem Studio und nicht vor Ort berichtete.

Es galt damals also, jemanden zu finden, der fähig wäre, die Amt zu übernehmen, und es galt, ihm eine Chance zu geben – die Wahl der Kanzlerin fiel, entgegen dem Wunsch der Mehrheit im Volke, auf den damaligen Ministerpräsidenten von Niedersachsen, Christian Wulff, der mit seiner präsidialen Art zu regieren recht geeignet für dieses Amt schien.

Wulff tat sich zu Beginn seiner Amtszeit dann tatsächlich zumindest auf dem Feld der Integration einigermaßen wohltuend hervor, schien hier zumindest einen Akzent, einen wichtigen gefunden zu haben – wenngleich man konstatieren muss, dass dies in der Gesamtheit für eine gute Amtsführung für meinen Geschmack zu wenig ist und war.

Ansonsten aber blieb er – leider – wie zu befürchten stand aber insgesamt doch farblos. – Das kann im Sinne der konstitutiven Vorgehensweise der Bundespräsidentenwahl vorkommen. Viele Bundespräsidenten sind und bleiben farblos, aber das ist ja nun nicht das notwendige Kriterium für die Ausfüllung des Amtes, auch nicht dafür, dessen Integrität zu wahren, sondern lediglich die Bedingung für eine gute, wohl durchdachte Ausübung des Amtes. Von daher ist dem Bundespräsidenten hier also kein Vorwurf von entscheidendem Charakter zu machen, obgleich die Frage weiter im Raume steht, ob das bisherige Verfahren weiterhin das richtige ist.

Es erwies sich aber viel schlimmer, dass die Kanzlerin die intuitive Forderung vieler Deutscher, die auch ich noch in der Nacht nach dem Rücktritt von Horst Köhler hier aufstellte, nämlich:

Es bleibt zu wünschen, dass die Politik nun den Schuss Köhlers gehört hat und bei der Suche nach einer:m NachfolgerIn im Amt der:s Bundespräsidentin:en nun nicht versucht, die Fehler am letzten Bundespräsidenten (zu ehrlich, zu bürgernah, zu unbequem, “zu wenig Politiker” (womit eigentlich eine mangelnde Skrupellosigkeit begklagt wurde)) bei dem:r neuen AmtsinhaberIn  abzustellen, sondern jemanden sucht, der eine gesellschaftlich annerkannte Person ist, die für ihr Querdenkertum und ihren Mut zu reden bekannt ist. Eine:n die sich auch nicht zu schade ist, im Kreuzfeuer zu stehen. Die Politik muss jetzt unter Beweis stellen, dass sie in der Lage ist, jemanden in das Amt der Bundespräsidentin zu heben, der stärker ist oder zumindest so stark, dass sie ein Gegengewicht zur “Tagespolitik” bilden kann. [...] Dieses Amt muss jetzt mit zivilgesellschaftlichen Personen besetzt werden [...] – die Hauptsache ist nun, dass der Posten “BundespräsidentIn der Bundesrepublik Deutschland” nun nicht zum Witz verkommt, sondern mit Profil gefüllt wird. Das kann kein etablierter Bundespolitiker. Der Bundespräsident ist von der Verfassung als (wenn auch ruhiger) Gegenpol vorgesehen. Und nicht nur als nur lächelnder Mitläufer.

nicht erfüllte, sondern eben genau jenen Fehler beging, mit einem erfahrenen Berufspolitiker alles richtig machen zu wollen.

Nun ist es eigentlich eine im ganzen Land bekannte Binse, dass Niedersachsen und insbesondere die Stadt Hannover nicht zu den korruptionsfreiesten der ganzen Republik gehören. Da kann es auch schon einmal vorkommen, dass leitende Angestellte der Polizei im berüchtigten Steintorviertel einen Abend auf Kosten der Hells Angels verbringen.

Dies oder ähnliches dem Bundespräsidenten unterstellen zu wollen, wäre freilich eine unlautere Unterstellung bar jeder Wahrheit. Dennoch hätte auch die Bundeskanzlerin – allein schon ob des merkwürdigen Gebahrens von Wulffs Amtsvorgänger Schröder, der bekanntermaßen zu Hannoveraner Zeiten auch eng in die niedersächsische Wirtschaftswelt – euphemistisch ausgedrückt – “befreundet” war – ahnen können, dass das in Szene gesetzte Saubermannimage bei näherer Betrachtung kleinere Schönheitsfehler haben könnte, wenngleich es sich hier vorwiegend um ethische, und nicht um juristische Fragen geht.

Jedoch ist auch dies nicht der Kardinalfehler.

Jenen Kardinalfehler nämlich beging der oberste Souverän von knapp 80 Millionen Souveränen nämlich höchstselbst, als er sich von Recherchen über sein Haus in Großburgwedel so dermaßen aufschrecken und erschrecken ließ, dass er offensichtlich – was auch immer nun seine wahre Intention war, ist für die Bewertung der Gesamtlage aus meiner Sicht vollkommen unerheblich – die Kontrolle verlor und versuchte, zumindest Einfluss auf die Berichterstattung zu nehmen, um noch die kommunste und vornehmste Umschreibung der Vorgänge auf den Anrufbeantwortern Leitender Angestellter des Axel Springer Verlages zu wählen. – Hier liegt die eigentliche Pointe, denn hier begann der Bundespräsident, im Wortsinne nicht mehr souverän zu sein, also nicht mehr, wie es seinem Amt durchaus zufällt, die Berichterstattung einfach abzuwarten und sie, sollte sie unsachgemäß ausfallen, als ebenso unsachgemäß wie – griffe sie tatsächlich seine Familie an – schäbig zu geißeln.

Niemand, wirklich niemand außerhalb der Redaktionsbüros der BILD-Zeitung hätte auch nur ein Hauch von Zweifel an der Integrität des Bundespräsidenten gehegt, im Gegenteil, vermutlich hätte er viele mediale Pflicht- und Überzeugungsverteidiger gefunden.

So jedoch gab Christian Wulff seine Souveränität ab und war bislang in allen Versuchen, wieder souverän, d.h. Herr der Lage zu werden, erfolglos.

Es wäre ein leichtes gewesen, die Souveränität durch ein schnelles und allumfassendes moralisch-ethisches Schuldeingeständnis, ein simples “mea culpa” die Wogen, die erst aufgekommen waren, wieder zu glätten. Es war kurz vor Weihnachten, und noch nicht einmal die Opposition wünschte sich in der Adventszeit Unfrieden, schon gar nicht um den Bundespräsidenten, denn Mutti’s Gans schmeckt vor dem Fernseher ohne BuPrä-Ansprache nur halb so lecker.

Doch abermals gibt der Bundespräsident die Zügel aus der Hand und gesteht nur halbherzig das, was eh schon bekannt war, holt nicht zum Befreiungsschlag aus. – Hierbei beweist Christian Wulff vor allen Dingen, wie unerfahren er beim Krisenmanagement ist und dass er ob seines präsidialen Regierungsstils nie gelernt hat, mit politischen Krisen oder Affären umzugehen, vor allem aber legt er das Verhalten eines Regierenden an den Tag, der durch Lavieren versucht, seine Macht zu erhalten, und verkennt dabei, dass das Primat seines Amtes gar nicht der Macht, sondern der Integrität gelten soll.

Und so kommt es, wie es kommen muss, die versammelte Journalie erwacht aus dem Winterschlaf und hat keine Ahnung, wie sie die Zeit bis zur zweiten Januarwoche, in der verbredungsgemäß auch der EU-Krisenmanagementprozess wieder in Gang kommt, veritabel füllen soll, da kommt die Rettung wie aus heiterem Himmel: Der Anrufbeantworter von Kai Diekmann…
WDR5 Politikum – Der AB von Diekmann by Malotki

Anstelle die Dinge nun beim Namen zu nennen, sich in aller Form und Frömmigkeit bei allen Beteiligten nochmals offiziell zu entschuldigen, scheint Wulff nur noch weniger zu verstehen, dass er sich des Politiker-Modus (“Krieg führen”) entsagen und – gemäß seiner Rolle als Bundespräsident – diese Dinge würdevoll zu den Akten legen sollte – so offen und so transparent wie möglich. Wieder lag hier eine Chance, wieder hätte er, der sich gerne als Abbild des Bürgers stilisiert und nicht als dessen Vorbild, die Chance gehabt, als Abbild des Bürgers mit seinen Schwächen und Verfehlungen doch vorbildhaft tätig zu werden, und zu zeigen, wie man solche Sachen beilegt. Wieder lässt er eine Chance verstreichen, zu zeigen, dass er oberster Souverän ist, wieder entscheidet er sich für ein Lavieren und Verschieben.

Erst, als der Druck zu hoch wird und weitere unappetitliche Veröffentlichungen der mittlerweile putzemunteren und in seltener Einigkeit vereinten Journalistenschar immer drohen, entscheidet sich Wulff zum einzig möglichen Schritt, ehe auch die Kanzlerin früher oder später zum Handeln gezwungen gewesen wäre (denn die Kanzlerin reagiert selten, aber doch zuverlässig immer dann, wenn die Situation außerhalb eines beherrschbaren Korridors zu gleiten droht), dazu, sich der Öffentlichkeit zu stellen.

Wieder jedoch fehlen ihm der Mut und die Chuzpe seines Vorgängers (der in einer solchen Situation vermutlich völlig baden gegangen wäre, aber eben aufrecht und mit wehenden Fahnen), sich souverän vor die Presse zu stellen, zum Beispiel in der Bundespressekonferenz und damit einerseits die Vorwürfe zu entkräften, andererseits aber auch seine Fähigkeiten im Ungang mit der Presse und seine Ernsthaftigkeit im Bekenntnis zur Pressefreiheit zu manifestieren.

Anstattdessen entscheidet er sich, sich für gut 20 Minuten zur besten Sendezeit seines Amtes entrücken zu lassen, und in einem ebenso bizarren wie mittlerweile auch legendären, einige Stunden vorab aufgezeichneten Fernsehinterview den gewogenen und für leicht genug befundenen Uli Deppendorf und Bettina Schausten Rede und Antwort zu stehen.:

Die Fragenden mühten sich nach Kräften, jedoch wagte Wulff in seiner immer noch verzweifelten Auffassung davon, er müsse die Situation jetzt partout besser darstellen, als sie ist, einige Vorstöße, die er besser hätte bleiben lassen – von der Intention einer Nachricht reden zu wollen, an die man sich selbst nicht mehr erinnert, wirkt ebenso unüberlegt wie, totale Transparenz zu versprechen und auch diese wieder nur – höchstens – als unreines Destillat zu liefern.

Auch die Chance auf einen letzten gelungenen Befreiungsschlag hat Wulff hiermit über kurz oder lang offensichtlich verspielt.

Denn, selbst wenn jetzt – und die Anzeichen dafür verdichten sich – nur noch Kleinigkeiten an den Tag kommen und aufgebauscht werden wie im amerikanischen Wahlkampf, es bleibt eben doch bei der grundlegenden Problematik, die ob der Schäden, die die Person Christian Wulff in den letzten Tagen erlitten hat, nun auch beginnt, auf seine Fähigkeit zur Ausübung des Amtes Bundespräsident, überzugreifen.

Christian Wulff kann als Bundespräsident nämlich nicht mehr oberster Souverän sein, solange er nurmehr ein Präsident vor Gnaden der Kanzlerin ist ebenso wie darauf angewiesen, dass der Axel Springer Verlag die offensichtlich noch auf Lager liegenden, politischen wie privaten Leichen nicht mehr ausgräbt. – Das jedoch heißt faktisch, dass es ihm kaum mehr möglich sein wird, die Regierung, wie es seinem Amte gemessen ist, hin und wieder zu kritisieren und kritische politische Kurskorrekturen aufmerksam zu beobachten, dass es ihm nicht mehr möglich ist, Gesetze, die er für grob verfassungswidrig hält, zu kassieren, ehe Karlsruhe es tut und hiermit die Hemmschwelle für das politische Berlin, Gesetze immer erst einmal “spaßeshalber”, sozusagen mit offener Prüfung nach Karlsruhe zu schicken, hoch hält. Es wird ihm noch nicht einmal möglich sein, Vertrauen, Medienfreiheit oder andere wichtige Werte ohne größeres, meist negatives Medienecho einzufangen. Er müsste damit leben, dass in Joachim Gauck weiterhin eine Art ‘Gegenpräsident’ durch die Lande zieht und würde mit dem Zeit nur noch der Abwicklungsbeauftragte für das Amt des Bundespräsidenten. Er würde früher oder später nur noch rastlos wie ‘Der Panther’ in Rainer Maria Rilkes gleichnamigen Gedicht, die wohlgesetzten Gartenzaunstäbe von Schloss Bellevue sein Gitter, die ihn vor der feindlichen Welt schützen.

Damit dient er, um die letzten Worte des Bundespräsidenten Köhler aufzugreifen, weder sich, noch seinem Amt, noch Deutschland.

In meinen Augen kann Christian Wulff seine Souveränität, sowohl als Person, als auch als Amtsinhaber nur noch durch den letzten, schwierigen Schritt zurückerlangen und sowohl dem Amt als auch dem Land hierdurch noch einen großen, letzten Dienst erweisen:

Sollte Christian Wulff es nämlich wagen, seinen Rücktritt inhalts- und teilweise wortgleich zu seinem Amtsvorgänger Horst Köhler zu erklären, also insbesondere im Verweis auf den mangelnden Respekt vor dem Amt, so würde es letztlich zwei Präsidenten im Verbund gelingen, den Finger auf den wunden Punkt zu legen und die Grundkonstruktion, sowohl der Wahl, als auch die Rolle des Bundespräsidenten vor der nächsten Wahl zum Thema machen und die Politik unter den Zugzwang setzen, nach etwas über 60 Jahren hier korrigerend tätig zu werden und Deutschland somit in eine unangenehme, aber deswegen nicht minder wertvolle Debatte stürzen. Unser Land ist stark genug und verkraftet mindestens zwei parallel geführte Debatten, beispielsweise über die Rolle des Bundespräsidenten und die wirtschaftliche Lage im Euroraum.

Herr Wulff hätte – im Falle eines Rücktritts – die Möglichkeit, sowohl seine persönliche Souveränität zurückzuerlangen, indem er sich zu seinen Verfehlungen nun doch noch offensiv bekennt, als auch – zumindest für die letzten Minuten – wieder ein überzeugender und charismatischer oberster Souverän zu werden, indem er die Bühne dafür nutzt, gegebenenfalls selbst Vorschläge zum weiteren Umgang mit dem Amt einzubringen, dem Volk seine Erfahrungen nahezubringen, auf Dinge hinzuweisen, die so schlicht fehlkonstruiert sind.

Auch könnte er der hetzenden Medienmeute in vollster Genugtuung die lange Nase zeigen, indem er ihnen den Triumph, die Trophäe nach der sie lächzen, nämlich seinen Rücktritt, nicht einfach so gönnt, wie sie ihn wollen, nämlich reumütig und kleinlaut, sondern in Größe und Würde. Dann dürfte er meinetwegen auch Kai Diekmann auf die Mailbox sprechen, er habe den Krieg gewonnen.

Die Bühne wäre ihm gewiss und warum sollte ein Bundespräsident eigentlich nicht (s)eine letzte große, überzeugende Berliner Rede halten und danach seinen Rücktritt erklären?

Das würde von Stil und Klasse zeugen, von Mut und Aufrichtigkeit, von Integrität und selbstverständlich auch von Souveränität zeugen, denn Souveränität heißt letztlich auch, sich von niemandem vorschreiben zu lassen, wann und wie man zurücktritt.

Der Bundespräsident käme seiner Aufgabe für die letzten Minuten vielleicht näher als viele seiner Vorgänger, wäre hernach ein zumindest in der Bevölkerung gefeierter Souverän, der wieder Souverän unter vielen wird und hätte auch dem politischen Deutschland einen großen Dienst erwiesen.

Freilich, dass es so kommt ist unwahrscheinlich. Um nicht zu sagen, überaus unwahrscheinlich – nein. Es ist, leider, ausgeschlossen.

Ausgeschlossen deshalb, weil der Bundespräsident Christian Wulff bedauerlicherweise immer noch zu sehr der Regierende Christian Wulff ist.

Sollte sich das Wunder aber doch noch ereignen, so wäre aus Christian Wulff doch noch ein exzellenter Zehnter Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland geworden. Und es spräche nichts gegen die letzten Worte, die nicht minder berührend wären als die von Horst Köhler: “Es war mir eine Ehre, Deutschland zu dienen.”.

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Bundespräsident – mehr als nur ein Kostenposten?

5. August 2010

Ich bin Joshi noch einen Artikel schuldig… Hinweis dazu: Den habe ich am Tag 1 nach Köhlers Rücktritt begonnen zu verfassen und einige Monate später fertig gestellt, also nicht wundern. (Dementsprechend war natürlich auch die Vorrede für die Katz, ich zitiere sie dennoch in Auszuügen kurz… ;) )

…Allerdings scheint die mediale Welt das Thema ziemlich bald zu den Akten legen zu wollen, sieht man sich die Hautpseiten von Nachrichtenportalen oder die Gestaltung von Fernsehprogrammen  an – der mediale Richterspruch kam schnell und einhellig, “Horst ist ein Idiot”, lange ließ er sich (man lese sich nur viele Leserbriefe oder die Mehrzahl an Kommentaren auf Nachrichtenseiten durch) nicht halten, kurz (zum Beispiel auf heute.de) warf man noch die Frage auf, ob man denn nun selbst Schuld trage, um sie alsbald wieder zu verwerfen.  Die Botschaft ist klar, dass Thema ist gelaufen, Routine kehrt ein, jetzt beschäftigen wir uns mit der Nachfolgekandidatur, denn das läuft immerhin nach einem Prozedere ab, das wir gewohnt sind. So recht anfangen kann keiner etwas damit, also schweigt man sich lieber aus. Reflexion wäre zu mühsam.

Doch tatsächlich hat Joshi eindrucksvoll dargelegt, welche Problemkreise eigentlich betroffen sind.

Letztlich stellt sich die Frage, ob wir überhaupt noch zurecht kommen mit dem, was uns das Grundgesetz da vorsetzt. Und ausgerechnet Horst Köhler selbst hat erst kurz vor seinem Rücktritt öffentlich festgestellt, was Joshi ebenfalls konstatiert.

Allerdings stellt sich die Frage, ob wir die nunmehr bestehende Ordnung kritiklos hinnehmen sollten.

Wohl wahr, ein Land, das kein wirkliches Nationalgefühl kennt, kann kein Staatsoberhaupt kennen. Es ist historisch zutiefst verankert, kein Stolz und kein Gefühl der Folgsamkeit zu entwickeln, vielleicht auch, um Scham – über die Vergangenheit wie in der Zukunft – zu verhindern.

Aber tun wir uns wirklich einen Gefallen, wenn wir es hinnehmen, dass die Kanzlerin immer mächtiger wird und die Berliner Politik eine amour fou mit der femme fatale Karlsruhe führt?! Wollen wir uns darauf verlassen, dass dieses System, ein mehr oder weniger unfähiges Kabinett, eine über allem schwebende (sehr passend der Kommentar, man könne wohl nur ihr natürliches Ende abwarten) Kanzlerin und ein Verfassungsgericht, das bewusst das (im Verhältnis) mächtigste der Welt ist, aber deshalb nicht übermächtig werden sollte, es schon richten werden? Es gehört zu den Balancen unseres Staates, dass das Staatsoberhaupt kein unmittelbar involvierter Teilnehmer der gestaltenden Politik ist, nebenbei ist er auch nicht Teil der Exekutive, ihm sind dennoch alle Aufgaben der Art völkerrechtlicher Repräsentanz, Ernennen und Erlassen sowie Verkünden zugeordnet. Ein Blick in das Grundgesetz, genauer gesagt in den Verteidigungsfall – der sich immer gut eignet, um das gedachte “Gerüst” der bundesrepublikanischen Ordnung aufzuzeigen – macht die Rollen deutlich: Die Regierung beantragt beim Bundestag die Feststellung des Verteidigungsfalles, der Bundestag beschließt ihn, der Bundespräsident ist letztlich nur dafür verantwortlich, der Verteidigungsfall protokollarisch zu verkünden. Oberbefehlshaber wird der Bundeskanzler, nicht der Präsident. Von nun an wirkt der Bundespräsident erst wieder, wenn das Grundgesetz auch bei einem möglichen Friedensschluss noch Geltung hat, als derjenige, der den Verteidigungsfall für beendet erklärt.

Der Clou: Wenn’s sein muss, geht’s auch ohne Bundespräsident… – Und das ist – zwei Monate später – ein Eindruck, den man nicht ganz loswerden kann, der die Gesamtlage sicherlich gut beschreibt. Denn es ist nicht ausgemacht, ob der nun installierte Winkonkel Wulff sich tatsächlich aufraffen kann, zumindest die symbolische Funktion noch wahrzunehmen oder auszufüllen.

Eher denn wird auch diese Amtszeit eine blasse bleiben, die ausgedehnte Längen bei Empfängen und Ansprachen hat, aber eben doch nie schafft, gestrafft und prägnant einen Impuls zu setzen – eben mehr zu sein, als ein Theaterdonner.

Und dann werden wir in einigen Jahren wieder dastehen und uns fragen, was wir denn machen mit dem Amt. Beibehalten? Abschaffen? Verändern? Das Volk einbeziehen?!

Und wie immer werden wir hierauf keine Antwort finden und eh wir uns versehen hat die Bundesversammlung schon getagt und wieder wird wenig fortschrittliches passiert sein. Dabei müssten eigentlich gerade von einer politisch eher passiven, sagen wir am Spielfeldrand stehenden Figur wie dem Bundespräsidenten entscheidende, weil einigermaßen neutrale Impulse zur Umgestaltung unserer politischen Landschaft ausgehen. Wenn er nicht Mahner sein kann und nicht Macher sein darf, so sollte er zumindest Möglichkeiten aufzeigen. Diskussionen losstoßen, die die Tagespolitik nicht lostreten kann, weil sie sich damit sonst ihr Geschäft verdürbe. Um Einbußen fürchten müsste. Das alles muss man hinter den Toren von Bellevue nicht. Und dennoch braucht es Mut. Mut, Themen wie mehr Volksbeteiligung, den Schutz der Freiheitsrechte, Integration oder Umgestaltungen der politischen Landschaft im Zuge der Globalisierung anzusprechen und vor allem notfalls auch Konzepte und konkrete Lösungen vorzuschlagen. Nur so kann der Bundespräsidentenposten sinnvoll aus der Kartographie des Grundgesetzes heraus ausgefüllt werden. Diesen Mut muss der Bundespräsident Christian Wulff nun aufbringen.

Ansonsten ist er – mit dem Kabarettisten Frank-Markus Barwasser gesprochen – in der Tat nur ein Kostenposten.

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Es gibt Leute…

2. Juni 2010

…die offensichtlich einen untrüglichen, messerscharfen Instinkt haben. Wilfried Schmickler, bekannt als cholerischer Aufräumer in den WDR – Mitternachtsspitzen, muss ein solcher sein.

Es ist Tag 2 nach dem Rücktritt von Horst Köhler, Ursula von der Leyen soll es – so das Volk nicht allzu laut aufbegehrt – denn wohl werden. Mich aber fasziniert etwas ganz anderes.

Prophetengleich nimmt sich Wilfried Schmickler am Montagmorgen, noch weit bevor Kanzlerin, Bundestagspräsident, Verfassungsgerichtspräsident und andere von Horst Köhlers Entscheidung, zurückzutreten, erfahren dem Thema des noch amtierenden Bundespräsidenten an, geht durch seine Amtszeit und setzt in einem pointierten Finale den Schlussstrich, den auch Horst Köhler einige Stunden später ziehen wird. Meine Hochachtung!

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Der Vollhorst der Nation – Wer ist hier eigentlich gescheitert?

1. Juni 2010

Es gäbe kuscheligere Themen, um den Blog mit nurmehr 2 Autoren wieder aufzunehmen. Weniger streitbare. Bequeme. Themen, die sich runterlesen wie Seifenwasser oder die Weihnachtsansprache von Horst Köhler.

Und ausgerechnet dieser Horst, dieser Idiot, dieser “Vollhorst” tritt heute zurück. Und eine ganze Kaste, ein ganzes System, das System des politischen Berlin steht unter Schockstarre.

Die ARD befindet es für nötig, diesen historischen Moment mit Endlosschleifen und immerselben Kommentaren zu füllen, kriegt es nicht einmal zustande, eine ad-hoc-Schaltung zur Pressekonferenz der Bundeskanzlerin (wohlgemerkt 3 1/2 Stunden nach dem Rücktritt Köhlers) aufzubauen und flüchtet sich in Gespräche mit Hugo Müller-Vogg, einen Autoren der Bild-Zeitung, der wohl einflussreich ist in Berlin, der aber mit Floskeln wie “Köhler macht den Lafontaine” beweist, was Köhler vor nunmehr rund 4 Stunden beklagt hat. – Den mangelnden Respekt vor seinem Amt (und, das fügte der schüchterne und zugleich entschlossene Schwabe wortlos durch einen letzten, starren  Blick in die verdutzten Gesichter der Journalisten an, vor seiner Person).

Alle stellen sich die Frage “wieso” – und alle machen munter mit. Die einzigen, die in all der politischen Maschinerie, die nach einer Notanimation stockend wieder anläuft, halbwegs die Dimension zu erfassen scheinen, sind die Sozialdemokraten, die jetzt aus “Respekt” nicht noch am selben Tag über Namen sprechen wollen. Zumindest nicht vor der Kamera. Wenn sie aus ist, wird – so ist vielfach zu lesen – auch in den Köpfen von Sigmar Gabriel oder Frank-Walter Steinmeier eine mächtige Rotation wirken.

Der Rücktritt von Horst Köhler entblößt Berlin. Entblößt die Journalisten. Fast zwei Stunden lang wird es heißen, dass Deutschland nun “ohne Staatsoberhaupt” sei, erst am Abend wird man im Layer unter dem Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen der Zusatz “Bundespräsident” erscheinen. – Auch das ist mangelnder Respekt vor seinem Amt, aber auch vor dem Grundgesetz, dass das Amt begründet. Das Unwissen um die Verfassung und die überstürzte Verbreitung scheinbar gesicherter Tatsachen zeigen einmal mehr, dass Faktizität im Berichterstattungsprozess eine untergeordnete Rolle spielt.

Denn spätestens um 22 Uhr stehen Politikwissenschaftler und Kommentatoren aller Couleur vor dem Mikrofon und spekulieren sich den Ast ab, den sie bis eben noch zu stützen versuchten. Was denn wohl die Gründe für seinen Rücktritt seien, was das nun für das Land in dieser “schweren Krise” für dramatische Folgen habe und überhaupt, wie er wohl so verweichlicht und schwächlich sein könne, nun hinzuschmeißen. Mir schallt ein Zitat aus der letzten großen Berliner Rede von Horst Köhler in den Ohren “Wir brauchen wieder ein Gefühl: Das macht man nicht!”, dass er so ganz sicher nicht gemeint hat. Es zeigt, wie abgestumpft die politischen Eliten sind. Wie wenig Menschlichkeit und die Suche nach Wahrheit eine Rolle spielen. Wie sehr das möglichst menschliche Spielen einer Rolle zur Wahrheit wird. Und wie wenig all das mit dem zu tun hat, was uns tatsächlich Sorgen bereiten sollte.

Was für schwerwiegende Auswirkungen hat Köhlers Rücktritt für die Tagespolitik, wer lässt wen im Stich?!

Köhlers Fehlen bedeutet die Abwesenheit des letzten größeren Repräsentanten in der Bundesrepublik, der nicht nur fähig war, Kritik zu üben, sondern vielmehr sie begründet zu üben. Der Bundespräsident, der mit “Vorfahrt für Wachstum” auch für mich persönlich unsympathisch war, schien – mit Sachverstand und Auffassungsgabe ausgezeichnet – mit den Jahren zu begreifen und immer fähiger, Zusammenhänge offenzulegen. Nur, dass dies nun keiner mehr hören wollte. Sollte anfangs noch “Super-Horst” Deutschland und die Arbeitsplätze retten, wollte zuletzt wirklich niemand mehr seine messerscharfen Analysen zu fehlerhaften wirtschaftlichen Zusammenhängen in der Welt hören. Lieber fragte man sich, wo er denn bliebe?! Wann er denn was sage?!  - Horst Köhler sprach. Auf Kongressen, bei Diskussionen, mit den Bürgern. – Allerdings hatte niemand ernsthafte Ambitionen, ihm dabei zuzuhören.

Dabei hat er gewarnt. Er hat analysiert. Er hat bereits seit dem letzten Oktober gefordert, die Politik dürfe den Banken nicht schon wieder freie Hand gewähren. Die nächste Krise, so sei er sich sicher, würde mehr ins Wanken bringen als nur das Finanzwesen. Und, so immer noch Köhler im Original aus einer exemplarischen Rede, Europa brauche dringend eine einheitliche, europäische Ratingagentur. Das sagt er wohlgemerkt noch vor dem Wiederaufflammen aller Probleme, zudem geben ehemaligen Mitarbeiter beim IWF zu verstehen, er habe bereits zu seiner Amtszeit über die Idee einer Transaktionssteuer nachgedacht und Machbarkeitsstudien ausarbeiten lassen, Konzepte, auf die Dominique Strauss-Kahn – wenngleich er die prinzipielle Machtlosigkeit seiner Behörde eingestehen muss – heute wieder zurückgreift.

Das Problem ist aber, dass das niemand mehr ernstlich hören wollte. Er kam zur Unzeit. In der Krise hätte er sich doch bitte äußern sollen, dass Köhler reflektiert, vordenkt und sich – wie es aus meiner Sicht zum Amtsverständnis eines Bundespräsidenten gehören sollte – antizyklisch zu Wort meldet, wird nicht honoriert. Auch hier scheint das Amt des Bundespräsidenten wertlos zu sein, wenngleich Köhler (noch) nicht resigniert, muss er doch mit ansehen, dass seine Meinung scheints ungefragt ist.  - Dass er die Wahrheit sagt, scheint Berlin nicht zu interessieren. Mit der Wahrheit gewinnt man keine Wählerstimmen. Schon gar nicht vor einer Landtagswahl.

Und so ist dieser Horst Köhler, der neunte Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, letztlich zum Opfer dessen geworden, was ihn über seine komplette Amtzeit antrieb: Die Wahrheit.

Horst Köhler wollte es wissen. Unvergessen, wenn er sich zu Demonstranten begab, um trotz Warnungen allerseits das Gespräch mit ihnen zu suchen und ihnen – welch Unsitte – auch noch respektvoll begegnete und das vom Volk zurückbekam, was er gab. Unvergessen auch seine zahlreichen sog. “Fauxpas”, wie das Festellen der faktischen Ungleichheit zwischen Ost und West, was ihm die Unterstellung einbrachte, er wolle es so. Aber das war kein Politikum. Damals scharrten sich die Politiker alsbald hinter ihn, man tue ja alles, um das zu ändern. Außerdem seien geographische Unterschiede ja nicht ganz von der Hand zu weisen.

Sein letzter Fauxpas allerdings ist anders gelagert. Horst Köhler tut sich schwer mit Unwahrheiten, und so spricht er im Interview mit Deutschlandradio von der Sicherung wirtschaftlicher Interessen Deutschlands, während er auf dem Rückflug von Afghanistan ist. Selbst, wenn seine Äußerungen tatsächlich auf Einsätze wie den am Horn vom Afrika bezogen waren, denn in dem Fall käme erschwerend hinzu, dass Köhlers Worte nahezu deckungsgleich sind mit Stellungnahmen des schwarz-roten Verteidigungsministeriums, diesmal ging Köhler so oder so zu weit.

Er hatte die Chuzpe, den Finger in die Wunde zu legen, er wagte es, über das Sakrosankt Krieg offen und ehrlich zu reden. Das war zu viel für die Berliner Meinungsmacheindustrie. Sofort waren neben – zurecht – empörten Bürgerstimmen auch Rücktrittsforderungen laut geworden, er argumentiere verfassungswidrig. Es gehört zu diesem merkwürdigen Spektakel, dass der Bundesverteidigungsminister kurz darauf völlig folgenlos gegenüber der Nachrichtenagentur AFP angeben durfte, dass Wirtschaftsinteressen und Sicherheitspolitik „in Verbindung stehen“ könnten.

Ein kriegsähnlicher Zustand, eine hypothetische Verknüpfung wirtschaftlicher mit kriegsähnlichen Interessen, all das schultert das politische Berlin mit links. Wehe aber, wenn der Präsident den Konjunktiv weglässt. Dann ist es egal, ob die Soldaten ihm dankbar waren für die Gespräche, die ihnen mehr Mut gemacht hätten als jeder andere Besuch bislang, denn er sei immerhin ehrlich gewesen. Das zählt nicht mehr.

Sicherlich ist es lächerlich, wegen einer solchen Debatte zurückzutreten. Die Summe aller bisherigen Schüsse gegen den Bundespräsidenten, der mal Gesetze nicht unterschrieb und sich dafür anraunzen lassen musste, er solle sich “nicht in die Tagespolitik” einmischen, an anderem Ort dann in genau dieser Tagespolitik wieder vehement gefordert wurde, der mal diplomatisch schwierige Missionen mit Bravour leistete und maßgeblich zur vorläufigen Aussöhnung zwischen Deutschland und Israel beigetragen hat, aber dann doch bitte nicht zu sehr an internationalem Profil gewinnen und dann doch lieber Sommerfeste ausrichten sollte, der es schaffte, was ein Polititprofi nie geschafft hätte, die Trauer nach Winnenden heilsam zu kanalisieren und Menschen halt zu geben und doch nie zu viel Kontakt mit den Bürgern haben sollte, sondern jetzt doch endlich wieder in Bellevue zu anderen Themen stellen sollte, diese Summe rechtfertigt seinen Rücktritt und nebenbei auch den Rücktrittsgrund.

Es bleibt zu wünschen, dass die Politik nun den Schuss Köhlers gehört hat und bei der Suche nach einer:m NachfolgerIn im Amt der:s Bundespräsidentin:en nun nicht versucht, die Fehler am letzten Bundespräsidenten (zu ehrlich, zu bürgernah, zu unbequem, “zu wenig Politiker” (womit eigentlich eine mangelnde Skrupellosigkeit begklagt wurde)) bei dem:r neuen AmtsinhaberIn  abzustellen, sondern jemanden sucht, der eine gesellschaftlich annerkannte Person ist, die für ihr Querdenkertum und ihren Mut zu reden bekannt ist. Eine:n die sich auch nicht zu schade ist, im Kreuzfeuer zu stehen. Die Politik muss jetzt unter Beweis stellen, dass sie in der Lage ist, jemanden in das Amt der Bundespräsidentin zu heben, der stärker ist oder zumindest so stark, dass sie ein Gegengewicht zur “Tagespolitik” bilden kann. Das können nicht gescheiterte MP’s wie Rüttgers oder Koch sein, dass können keine Minister sein, die aufrücken wie Von der Leyen oder Schäuble. Dieses Amt muss jetzt mit zivilgesellschaftlichen Personen besetzt werden, der Name Margot Käßmann ist gewagt, aber zurecht genannt, auch über Petra Roth kann man streiten, ich persönlich würde auch Personen vom Profil Klaus Töpfers befürworten – die Hauptsache ist nun, dass der Posten “BundespräsidentIn der Bundesrepublik Deutschland” nun nicht zum Witz verkommt, sondern mit Profil gefüllt wird. Das kann kein etablierter Bundespolitiker. Der Bundespräsident ist von der Verfassung als (wenn auch ruhiger) Gegenpol vorgesehen. Und nicht nur als nur lächelnder Mitläufer. Sollte die Wahl, die in den nächsten 30 Tagen zu treffen sein wird (und damit prekärerweise genau in die Zeit der Fußball-Weltmeisterschaft gefällt werden muss, in der normalerweise ungeliebte Gesetze durchgewunken werden, wohl auch deshalb die Verärgerung der Politik) auf eine:n profillose:n KandidatIn fallen, wäre Horst Köhler auch dieses Mal mit seiner Klage vor mangelndem Respekt vor dem Amt prophetisch in Erscheinung getreten. Sollte die Wahl auf eine:n starke:n Kandidatin fallen, hat er der Bundesrepublik in seiner letzten Amtshandlung seinen vielleicht größten Dienst erwiesen.

Horst Köhler ist zurückgetreten. Er hat sein Amt verloren. Nicht aber seine Ehre. Denn die war, Deutschland zu dienen.

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Tach, Tantchen!

6. Oktober 2009

Da geht man als ahnungsloser und pflichtbewusster Student montags, zum Semesterbeginn, in Richtung Hochschule und muss dabei den Gendarmenmarkt passieren.

Man kommt aus der U-Bahn und es begrüßt einen ein einziges Meer schwarzer Limousinen. Nun, man richtet den Blick in die Ferne und erspäht ein Plakat: “60 Jahre DGB” – man beging im Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin den 60. Jahrestag der Gründung des Deutschen Gewerkschaftsbundes.

Aus den Nachrichten wird man später erfahren, dass zu diesem Festakt unter anderem auch die Frau Bundeskanzlerin Merkel und der Herr Bundespräsident Köhler anwesend waren.

Davon weiß der Ahnungslose Passant jedoch noch rein gar nichts.

Er begegnet auf dem Platz – nachdem er an den ersten 20 Limousinen rechts und links neben sich vorbei ist – diesem Fahrzeug:

Hübsches Auto! Kennzeichen: 0-1

Ich dachte mir nun, wo Onkel Köhler da ist, kann Tantchen Merkel nicht weit sein. Ihr Auto, das das Kennzeichen 0-2 trägt, war jedoch nirgends zu sehen.

Mysteriös, nicht wahr? Vielleicht hat das jemand am Montag irgendwo in Berlin entdeckt? :) Genauso gut mag es jedoch möglich sein, dass ich ob meiner Eile in der Flut der schwarzen Wägelchen das ihrige übersah…

Update: Vielleicht musste sie auch auf ihren neuen BMW-Dienstwagen warten, der am 23. September 2009 vorgestellt wurde und mit dem Ulla Schmidt gerade noch nen Kurzausflug wagt… Spanien soll schon schön sein.

Ach ja – wo wir schon bei Kosten von 400 000 Euro für diesen neuen BMW 7er sind, könnte man sich doch zum gleichen Geld auch ne schön ausgestattete Cessna leisten.

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Kaum ist Hr. Lammert mal außer Haus…

24. Mai 2009

… da tanzen die Mäuse. Nun ist Nobert Lammert nicht die Katze, sondern der Bundestagspräsident und sitzt damit auch der Bundesversammlung vor, welche am Samstag den Bundespräsidenten wählte.

Nun, wie man der unüberschaubaren Berichterstattung der deutschen Medien entnehmen konnte, wird der Bundespräsident alle fünf Jahre von der Bundesversammlung am “Verfassungstag”, dem 23. Mai gewählt. Warum auch immer “Verfassungstag”, das heißt doch bei uns “Grundgesetz” und ich erspare mir die üblichen angehängten Sätze von wegen ursprünglich Provisorium blabla. Toll wie der Zufall ist, fällt dieser Tag in diesem Jahr auf die Feierlichkeiten zum 60. Geburtstag unseres lieben Vaterlandes (also gut, ich nenn das jetzt mal so auch wenn ich offiziell noch DDR-Kind bin) auf eben diese Bundespräsidentenwahl. Und das ist auch der Grund dafür, dass Genosse Merkel bzw. sein Lehrer, der Gewehrmündung ins Auge blicken durfte: Der Festakt zum 60. fand im Konzerthaus statt – und zwar einen Tag vorher, wegen der Wahl. Dabei soll man doch nicht zu früh gratulieren!

Zurück zur Bundesversammlung. Damit die Bundestagsverwaltung mal was zu tun bekommt, wurden zwecks der Behausung von über 1200 Abgeordneten bzw. Wahlmännern/frauen sämtliche Tische und Stühle aus dem Plenarsaal entfernt, lediglich die Regierungsbank, das Präsidium und die erste Tischreihe blieben verschont. Dort versammelte sich die Politprominenz des Bundestages, währen der Plebs dicht gedrängt auf den Stühlen dahinter Platz nehmen musste.

ARD und ZDF: Jeder darf mal ne Frage stellen.

ARD und ZDF: Jeder darf mal ne Frage stellen.

Zuerst war alles normal. Phoenix begann drei Stunden vor der Eröffnung der BV mit der Berichterstattung aus der Lobby des Reichstagsgebäudes um mit den Politikern über immer die selben Fragen zu reden: Wer wird gewinnen? Wird die Linke Peter Sodann nach einem ersten Wahlgang herausnehmen? Wie viele Grüne wählen Horst Köhler und nicht Gesine Schwan? Den ganzen Tag lang. Und natürlich: “Was hieße die Wiederwahl Köhlers für die Bundestagswahl? Was hieße eine Wahl von Gesine Schwan? Dabei ist es doch wohl offensichtlich, dass sich die Bundesversammlung aus den derzeitigen politischen Verhältnissen zusammensetzt, nicht aus dem derzeitigen Volkswille. Wenn man das Volk fragt, wen sie gerne zum Bundespräsidenten hätten und daraus Schlüsse für September ziehen würden, müssten ja CDU/CSU die 2/3-Mehrheit locker knacken. Lediglich die Möglichkeit, Gesine Schwan würde mit den Stimmen der Linken gewählt, wäre ein Linksrutsch für die SPD, zumindest in den Augen mancher Wähler und der Medien.

Kurz nach 12 Uhr ging es dann also los. Norbert Lammert, bekannt für seine nicht gerade kurzen Formulierungen der einfachsten Dinge (was aber Spaß macht) hielt sich an seine 15 Minuten, und stellte die alles entscheidende Frage: “Die Bundesversammlung ist beschlussfähig, wenn mindestens die Hälfte der Mitglieder anwesend ist. Zweifelt da jemand dran, sonst würde das natürlich alles ein wenig verzögern.” Daran zweifelte glücklicherweise niemand und so verlas er prompt die Kandidatenliste. Und nach dem Beschluss, die 60 SchriftführerInnen des Bundestages für die Bundesversammlung zu ernennen, durften jene zwei Beisitzer Lammerts die nächste dreiviertel Stunde damit verbringen, über 1200 Namen zu verlesen. Und da Hr. Westerwelle wusste, dass W sehr spät im Alphabet kommt, ging er erst einmal zu Phoenix um sich den bekannten Fragen zu stellen. Und danach zur ARD und zum ZDF. Ein wenig später war Ottfried Fischer (nominiert über die SPD Bayern) beim Interview um sich für Fr. Schwan auszusprechen. Das ging so weiter und weiter bis es irgendwann auf die 14 Uhr zuging und langsam das Ende der Auszählung erwartet wurde. Weiterhin kein Zeichen Lammerts.

Nach 14 Uhr füllte sich der Plenarsaal wieder und man konnte erahnen, dass es was gibt. Auf Schloss Bellevue wehte fleißig die Flagge des Bundespräsidenten, er war noch daheim. Man sollte meinen, das Ergebnis dieser Wahl ist geheim, bis der Präsident Lammert es verliest. Doch denkste!

Norbert Lammert wartet...

Norbert Lammert wartet...

Ohne weitere Anzeichen betrat die Blasmusikkapelle den Saal und setzte sich auf die Stühle vorne. CDU/CSU und FDP standen schon mal auf und applaudierten. Ein wenig später kamen Saaldiener und reichten den Fraktionschefs Blumen, die diese möglichst schnell unter ihrem Tisch versteckten (dazu haben sie die also drin gelassen!). Üüüüüberhaupt nicht auffällig liebe Bundesversammlung! Und derweil wartete Norbert Lammer, von einer Kamera begleitet, vor dem Eingang des Reichstagsgebäudes und wartete. Und wartete. Kaum ist man mal außer Haus, geht im Saal alles schief muss der wohl im Nachhinein über die Aktionen im Plenarsaal denken… Doch warum wartete er noch draußen?

Herzlichen Glückwunsch, Herr neuer/alter Bundespräsident?

Herzlichen Glückwunsch, Herr neuer/alter Bundespräsident?

Ein einsamer Gang des Präsidenten...

Ein einsamer Gang des Präsidenten...

Applaus  für Köhler, der etwas merkwürdig alleine vor dem Tisch der Kanzlerin steht.

Applaus für Köhler, der etwas merkwürdig alleine vor dem Tisch der Kanzlerin steht.

Das Ergebnis könnte doch auch lauten: 49% Köhler, auf in den zweiten Wahlgang! Weiterhin angespannte Gesichter bei SPD, Grünen und Linken…

Und langsam sollte man erwarteten, dass das Ergebnis da ist aber Lammert wartet weiterhin vorm Reichstagsgebäude. Worauf denn?

Irgendwann kam dann doch eine Autokolonne und der Bundespräsident kam heraus. Ein wenig später betrat Norbert Lammert wieder den Plenarsaal, Köhler nahm nicht wie vorher auf der Tribüne Platz, ganz im Gegensatz zu seiner Frau Eva. Lammert begründete die Verzögerung mit einer dritten Auszählung der Stimmen.

Nun denn, der Präsident verlas das Ergebnis: “Auf Prof. Horst Köhler entfielen 613 Stimmen…”. Tosender Applaus von CDU/CSU und FDP, die anderen machen irgendwann doch mit, klatschen aber etwas müde. Dann noch schnell die Ergebnisse der anderen KandidatInnen, bei Fr. Schwan Applaus von SPD und Grünen. Tja. Knapper ging es wohl kaum, 613 Stimmen waren bekanntlich die Mehrheit der Stimmen.

Somit haben die Mitglieder der Bundesversammlung ihr Ziel erreicht: Bundesliga-Finale pünktlich und live gucken zu können! :)

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Sag Hallo zu Onkel Scharfschütze!

24. Mai 2009

Nun feier(te)n wir ja am heutigen Tage dieses großartige Ereignis, das in aller Munde ist… natürlich geht es, wir erwarten es, um den Geburtstag des großen Komponisten Richard Wagner, der nachgefeiert wird – der eigentliche Geburtstag vom Richard ist der 22. Mai 1813, aber wie wir wissen, lässt es sich am Samstag besser feiern.

Doch geht es, wie der Titel ansatzweise vermuten lässt, nicht darum. Viel unbedeutender natürlich, gab es da noch den 60. Geburtstag unseres lieben Grundgesetzes

Wie der ahnungslose und mindestens genauso hilflose Student am Freitagmorgen, in meinem Falle gegen 10 Uhr, erfahren durfte, fand der offizielle Teil der Feierlichkeiten zum runden Geburtstag bereits an genau diesem Freitag statt – und das nicht irgendwo, sondern im und um das Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin.

Schon Tage zuvor rückten Polizistenscharen am Gendarmenmarkt an, ein paar Absperrzäune im Gepäck, die bereits locker aufgestellt wurden. Am Freitag wurde die Lage verschärft, indem die Lücken zwischen den Zaunteilen geschlossen und damit der gesamte Gendarmenmarkt abgeriegelt wurde. Nur ein einziges Portal an der Seite des deutschen Doms blieb offen, dort jedoch stand eine Mannschaft von Sicherheitspersonal, die an Geräten, die man sonst vom Flughafen kennt, auf die nächste Leibesvisitation lauerten.

Der Grund, wie ich später aus aktuell informierten Hochschulkreisen erfuhr: Frau Merkel und Herr Köhler sollten zu Besuch kommen.

Ich jedenfalls kam unter Inkaufnahme von Umwegen schließlich doch zur Hochschule und arbeitete mich (zu Fuß!) in die fünfte Etage vor, wo mein Seminar stattfinden sollte – Instrumentation, 3 Stunden, bis 13 Uhr – alles noch harmlos.

Es schloss sich eine Stunde Kompositionsunterricht an. Und jetzt wird’s gruselig. Mit meinem Lehrer zog ich in einen anderen Raum um, einen Raum, dessen Fenster dem Gendarmenmarkt zugewandt sind. In diesem konkreten Fall hieß das, man sah das Konzerthaus von hinten – das Dach des Konzerthauses, aus der 5. Etage.

Zunächst fiel es uns noch gar nicht auf – bis ein Professor von nebenan hereinschneite und uns auf das Schauspiel hinwies: Allein auf dem für uns sichtbaren Dachabschnitt hockten drei Gestalten, jeder in schwarz gekleidet, vollkommen vermummt, ein Fernglas um den Hals und – jetzt kommt’s – einem Scharfschützengewehr in den Händen.

Und als ob das noch nicht für den Schrecken des Tages ausgereicht hätte – wohlgemerkt, man konnte den Knaben direkt in die Augen sehen, denn sie saßen/hockten uns auf Augenhöhe gegenüber:
Mein Lehrer öffnete einmal das Fenster, denn die Luft im Raum war tatsächlich ganz schrecklich; sofort fuhr einer der Scharfschützen samt Gewehr in der Hand herum, mein Lehrer “der zielt auf uns!”, geht zügig vom Fenster weg und setzt sich friedlich wieder auf seinen Stuhl.

Der abschreckende Charakter der ganzen Veranstaltung wurde durch die schöne bayrische Blasmusik auf dem Platz auch nicht wesentlich gemildert…

Sicherlich ein besonders beruhigendes Gefühl, zu wissen, dass höchstwahrscheinlich einer der Onkels auf dem Konzerthaus nur dafür abgestellt ist, die Fassade der Hochschule zu überwachen. Besonders natürlich für die Lehrer, die das einen ganzen Tag aushalten mussten.

Fenster öffnen wird zur Mutprobe.

Nach dem Unterricht ging ich schließlich wieder hinunter auf die Straße – immer noch schallte die bayrische Blasmusik (die Kapelle war immerhin besser als die, die ich vor 2 Wochen am Brandenburger Tor ertragen musste) herüber – und ich schaute nach oben.

Tatsächlich sah man rein gar nichts: Weder das Aufblitzen einer Reflexion von Sonnenlicht in einem Fernglas, noch einen der netten Onkels auf dem Dach selbst…

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