Nun, wie gesagt, die erste Prüfung war absolut harmlos.
Mein Lehrer in Tonsatz und Gehörbildung, der auch mein Prüfer heute war, mir also die Akkorde, Skalen, Kadenzen, Gedächtnisdiktat usw. kredenzt hatte, war mit dem Ergebnis der Vordiplomprüfung – es wurde natürlich gleich ausgewertet – 40 von 40 Punkten erreicht – zufrieden, überlegte kurz und sagte dann zu mir:
Sag mal Marcus, ich habe heut einfach die Abschlussprüfung schon mitgebracht… hättest du Lust? Wir würden dann einfach jetzt ‘ne halbe Stunde Pause machen und die dann schreiben.
Bei mir natürlich die bloße Panik: Abschlussprüfung, das heißt ja Diplomprüfung (!), und das heißt doppelt so schwere Prüfung wie diese winzige Diplomvorprüfung gerade eben.
Nach einigem hin und her entschieden wir aber, dass wir nach einer kurzen Pause mit der Abschlussprüfung fortfahren werden – wie kann es auch anders sein.
Während der folgenden dreißig Minuten fragte ich mich nur noch, ob die Entscheidung jetzt klug & mutig oder töricht & übermütig war.
Nach einem köstlichen Becherchen Kaffee aus dem hochschuleigenen Automaten (wobei man zugeben muss, der Kaffee ist wesentlich besser als der aus dem alten Automaten – die wurden vor wenigen Wochen erneuert – und man kann sich jetzt den Gang in die Caféteria des Konzerthauses gegenüber sparen) ging’s los. Abschlussprüfung Gehörbildung.
Harmlos war das nicht mehr, lustig auch nicht. Statt einfacher Kadenz nun eine Kadenz mit Modulation, statt einstimmigem Gedächtnisdiktat nun ein zweistimmiges von Bach, statt zweistimmigem Diktat ein vierstimmiges aus der Kunst der Fuge von Bach – und hinzu kam noch ein freitonales dreistimmiges Diktat von Wagner-Regeny.
Etwa eine Stunde später war ich fertig. Mit den Nerven und mit der Prüfung. Mein Lehrer wertete meine Werke aus und sagte dann
39 von…
Es folgte eine kleine Pause. In mir wuchs der Gedanke “WO IST DER VERDAMMTE FEHLER?” heran, denn in der Vordiplomprüfung waren es noch 40 zu erreichende Punkte gewesen.
… 39 Punkten.
Puuuuuh…
Erleichterung machte sich breit. Natürlich wäre es nicht dramatisch gewesen, wenn ein Punkt fehlte – höchstens eine Ehrenangelegenheit.
Nun habe ich noch einen Termin für nächsten Dienstag, zum mündlichen Teil der Prüfung, das heute war ja “nur” der schriftliche. Die mündliche Prüfung wird allerdings nicht mehr so lange dauern, den längsten Teil habe ich hinter mir.

Marcus, Musik
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