Die Befreiung
Heute war ein wundervoller Tag. Ich habe meinen Bleistift befreit. Einfach so. Monate war er gefangen, ich bin sein Retter. Welch ein Glück! Ob sich unsere persönliche Beziehung dadurch maßgeblich geändert hat, kann ich nicht sagen. Aber ich bin froh. Und er lebt in Freiheit, im Einflussbereich des Tageslichts.
Was ist passiert?
So ein Flügel (wir reden von einem Musikinstrument, es soll hier nicht um Vogelkunde gehen) ist ein wahrlich perfekt konstruiertes Ding, nur hat es einen winzigen Haken: Die unter Kennern berühmt-berüchtigte Bleistiftfalle. Das muss so ein Konzept im Klavierbau sein, das schon sehr früh erdacht und eingebaut wurde; wahrscheinlich schon, bevor sich jemand die Saitenaufhängung genau überlegt hat, dachte der geniale Mensch an die Bleistiftfalle.
Wenn man nämlich den Klavierdeckel eines Flügels, das ist das Stück Holz, das in heruntergeklapptem Zustand die schwarz-weiße Tastatur vollständig bedeckt und so zum Beispiel vor Staubeindringung schützt, herunter oder hoch klappt, tut sich auf halbem Wege ein Zwischenraum zwischen Klavierdeckel und senkrechter Wand hinter der Tastatur auf. Dieser Zwischenraum ist nun etwa 3 cm breit. Genau so also, dass ein kleiner, schlanker Druckbleistift gut hindurch passt.
Nun passiert es dem armen Klavierschüler, der sich natürlich beflissentlich Fingersätze in die Noten einträgt, ab und an, dass ihm der Bleistift vor Aufregung über den gerade gefundenen brillanten Fingersatz aus der Hand fällt – und in 80% aller Fälle fällt der natürlich geradewegs in die erwähnte Spalte.
Ich hatte Glück, lange lange Zeit: Mir ist dieses Malheur in den letzten 6 Jahren, seit ich diesen Flügel habe, anno 2010 zum ersten und letzten Mal widerfahren.
Es war so weit: Eines schönen Augenblicks im letzten Jahr wurde ich jäh aus meinem Alltag gerissen, als mein geliebter Bleistift sich in die Spalte verabschiedete. Was nun? Normalerweise ist das kein Problem, da man bei vielen Flügeln den Klavierdeckel einfach nach oben herausziehen kann und Zugriff auf dahinter verborgene Schätze erhält. Bei meinem Modell jedoch hat sich der geniale Konstrukteur entschieden, eine weitere Hürde einzubauen: Der Klavierdeckel ist vor Herausziehen durch Verschraubung geschützt. Und die Schraube ist so klein, dass man sie unmöglich mit einem herkömmlichen Schraubenzieher hinauszuziehen vermag.
Es denkt vielleicht mancher, Junge, wo liegt das Problem, dann nimmst du dir einen anderen Bleistift, die Welt ist in Ordnung, spiel weiter… Nun – das dachte ich auch. Ersatzbleistift geholt und das Glück war fast vollkommen. Ich spielte und spielte, als wäre der Bleistift nie auf dem Pult gelegen und auch nie in die Falle gefallen.
Dieses Jahr jedoch, nach monatelanger Gefangenschaft, entschied er, sich bemerkbar zu machen. Da der Stift auf der Verlängerung der Tasten (in den Flügel hinein) lag, unterlag er kleinen Bewegungen und Höhenunterschieden, erzeugt durch die Bewegung der Tasten. So langsam schienen die wiederholten Impulse den Bleistift ein Stück nach vorne bewegt zu haben. Die ganze Zeit schon konnte man den Stift durch die Spalte hindurch sehen, ihn aber mit der Hand nicht erreichen, da man damit Hand und Handgelenk kaum hindurch passte und die Spalte in einem äußerst ungünstigen Winkel lag. Jetzt lag der Bleistift eben noch ein wenig weiter vorne. Das hatte auch zur Folge, dass er neuerdings Nebengeräusche beim Spielen erzeugte – so ein kleines, aber doch kontinuierlich nervendes Klappern entstand.
Heute fiel deshalb der Entschluss: Der Bleistift muss raus, koste es, was es wolle!
Dünnen Schraubenzieher organisiert, Schrauben unter größten Anstrengungen gezogen, Bleistift freigelegt, oder besser: extrahiert! Das Bild als Zeugnis meines Triumphes:

Dieses Triumphgefühl war unbeschreiblich, wie sich mancher vorstellen kann. Nach Monaten ist er nun wieder da. So ein Bleistift ist ja nicht nur ein Bleistift, sondern gleichzeitig Symbol für gefühlt unendlich viele Eintragungen in tausende Noten. Wahnsinn. Was der Welt womöglich abhanden gekommen wäre, hätte der Ärmste weiter da drinnen geschmort – was zum Glück aber abgewendet ward.
Ihr seht: Es bringt einen an die Grenzen. Aber es lohnt sich…








Anton (20), bald Student in Mittweida und leidenschaftlicher Filmemacher, (derzeit unserer Fahne entflohen unter antonschubert.de), Peter (20), Mensch im Übergangsjahr und leidenschaftlicher Textmacher und Marcus (19), Kompositionsstudent und leidenschaftlicher Musikmacher, sind die Autoren dieses kleinen Blogs. Wir schreiben über alles, was uns interessiert, oder wovon wir denken, dass es euch interessieren könnte. Jeder ist herzlich eingeladen, nach Herzenslust zu kommentieren und/oder Beiträge anderer Art zu leisten. Wir freuen uns!
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